45 Jahre Lebenshilfe Rhein Sieg – Anlass genug, den Anfängen einer einzigartigen Erfolgsstory nachzuspüren, ist doch aus der Selbstinitiative einer Handvoll mutiger und unbeirrbarer Eltern geistig behinderter Kinder eine Organisation entstanden, die heute zu den größten Arbeitgebern in der Region zählt.
Nicht zuletzt auch im Hinblick auf das 50-jährige Bestehen in 2014 hat es sich die Redaktion des Newsletters zur Aufgabe gemacht, mit den Arbeiten zu einer umfassenden Dokumentation der Vereinsgeschichte zu beginnen. Ein nicht ganz leichtes Unterfangen: Gerade für die ersten beiden Jahrzehnte fehlen einschlägige Archiv-Materialien für eine Rekonstruktion der Vereinsgeschichte. So ist man auf Zeitzeugen angewiesen,
die authentische Informationen liefern könnten. Aus diesem Grund hat die Redaktion des Newsletters ein erstes Interview mit der stellvertretenden Vereinsvorsitzenden Helga Dobrowolski geführt, die als „Frau der ersten Stunde“ wertvolle Informationen weitergeben konnte. Aber vieles liegt noch im Dunkeln. Deshalb der Aufruf an unsere Leserinnen und Leser: Bitte lassen Sie uns Material zur Geschichte des Vereins zukommen. Dies können kommentierte Fotos, eigene schriftliche
Erinnerungen, Zeitungsausschnitte, Dokumente und ähnliches sein. Die Redaktion des Newsletters wird auch gerne persönliche Gespräche mit Zeitzeugen führen.
Kaum jemand macht sich heute noch Gedanken darüber, wie es in den 50er und frühen 60er Jahren um das Schicksal geistig behinderter Kinder und deren Familien stand. 1958, im Gründungsjahr des ersten bundesdeutschen Vereins der „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind“, lag das dunkelste Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte erst 13 Jahre zurück. Im Dritten Reich waren Menschen mit
geistiger Behinderung systematisch verfolgt, zwangssterilisiert und ermordet worden. Die „Tötung lebensunwerten Lebens“ wurde ab 1938 offen propagiert und unter der irreführenden Tarnbezeichnung „Euthanasie“ (wörtlich: „schöner Tod“) seit Kriegsbeginn am 1. September 1939 offiziell, seit Ende 1941 verdeckt praktiziert. Die Gesamtzahl der Opfer bei Kriegsende wird auf bis zu 250.000 geschätzt.
Die Situation der Behindertenhilfe nach 1945 war zunächst katastrophal. In der Chronik der Bundeslebenshilfe werden die damaligen Zustände anschaulich beschrieben:
„Noch lange nach Kriegsende spukten die Begriffe aus der NS-Zeit noch in den Köpfen vieler Bürger. Nicht wenige Deutsche hielten die Praxis der ,Euthanasie‘ weiterhin für richtig. Von ,Vollidioten‘ war die Rede; solche Kinder solle man am besten in Heime stecken, rieten Ärzte und Hebammen. Aus Angst, Schuldgefühlen und Scham hielten die Eltern ihre Kinder mit geistiger Behinderung, die vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten gerettet worden waren, oft verborgen.
,Warum gerade ich?‘, fragten sich viele Eltern von Kindern mit geistiger Behinderung immer wieder. Besonders Verzweifelte dachten sogar daran, ihr Kind zu töten, einige taten es. Vorurteile, Intoleranz und offene Ablehnung durch eine unwissende Gesellschaft verurteilten geistig behinderte Kinder und ihre Eltern zu einem Dasein im Abseits.
Die Sorge für Menschen mit geistiger Behinderung blieb den Familien überlassen. Neben der Unterbringung in kirchlichen Einrichtungen gab es nur wenig. Fiel die Familie aus, landeten Menschen mit geistiger Behinderung in psychiatrischen Anstalten, Altenheimen oder Großeinrichtungen, wo sie nur verwahrt wurden.“
Für Amtsgerichtsrat Bert Heinen, Gründungsmitglied der Bundeslebenshilfe und Mitbegründer der Lebenshilfen in Bonn und im Siegkreis, war diese Tatsache traurige Realität: „Unser Sohn … konnte dann aber zu Hause nicht mehr gefördert werden, so dass wir ihn, wenn auch schweren Herzens, in eine Schwachsinnigen-Bildungsanstalt gaben, die 160 km von uns entfernt lag“.
Seit Mitte der 1950er Jahre kamen mit den steigenden Geburtenzahlen auch wieder mehr Kinder mit geistiger Behinderung zur Welt, für die gesorgt werden musste. Staatliche Hilfen gab es allerdings erst, als 1962 das BSHG in Kraft trat. Frühförderung war genauso ein Fremdwort wie die Schulpflicht für geistig behinderte Kinder, die erst in den späten 60er Jahren eingeführt wurde. Erschwerend hinzu kam, dass das Wissen um die Ursachen geistiger Behinderung wenig fundiert war.
„Wir müssen uns daran gewöhnen, dass unter uns viele behinderte Menschen leben, die ohne unsere Hilfe zum Vegetieren verurteilt wären.“
Diese Erfahrung musste auch Helga Dobrowolski machen, als sie 1958 mit ihrer behinderten Tochter die Bonner Kinderklinik aufsuchte. Dort „klärte“ man sie auf: Ihr Kind werde immer vollkommen zurückgeblieben sein, habe keine Chance das Erwachsenenalter zu erreichen und müsse bis zu seinem Lebensende immer gewickelt und sauber gehalten werden. Lebenspraktische Fähigkeiten werde es nie entwickeln können, und eine sinnvolle Förderung dieses Kindes sei nicht möglich.
Hilflos und Allein gelassen mussten die Eltern geistig behinderter Kinder damals erkennen, dass sie selbst aktiv werden mussten, wollten sie ihren Kindern ein menschenwürdiges und lebenswertes Dasein ermöglichen.
Dies waren die Rahmenbedingungen, unter denen 1964 die Lebenshilfe Rhein Sieg gegründet wurde. Helga Dobrowolski erinnert sich, wie diese Initiative damals zustande kam: Eines Tages stand eine Dame vor ihrer Tür und erkundigte sich danach, ob sie in ihrer Nachbarschaft von geistig behinderten Kindern wisse. Bei der „neugierigen“ Dame handelte es sich um Grete Heinen, die bereits 1959 die Bonner Lebenshilfe mit gegründet hatte. Sie hatte die Notwendigkeit erkannt, dass auch im Rhein-Sieg-Kreis etwas für geistig behinderte Kinder getan werden müsse. Und so zog sie von Haus zu Haus, um nach diesen Kindern zu forschen und für die Idee der Lebenshilfe zu werben. Mit Erfolg.
Am 14. Mai 1964 trafen sich im Hotel Stern in Siegburg 67 Personen zur Gründungsversammlung des Vereins „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind in Siegburg und im Siegkreis“. Es waren hauptsächlich betroffene Eltern, Geschwister und Vormünder, die das Schicksal ihrer Anvertrauten selbst in die Hand nehmen wollten. Aber neben Grete und Bert Heinen vom Bonner Lebenshilfe-Verein waren auch einige
Fachleute, Kirchenvertreter und Förderer anwesend. Helga Dobrowolski erinnert sich, dass Landrat Lindlar ebenfalls zugegen war, der jedoch jegliche Unterstützung des jungen Vereins kategorisch ablehnte. Dies muss sich – wohl aufgrund der unermüdlichen Überzeugungsarbeit der Vereinsmitglieder und -mitabeiter – rasch geändert haben: Denn schon im Oktober 1965 ist in einem Zeitungsartikel über die Einweihung der ersten Lebenshilfe-Tagesstätte in Mondorf
zu lesen: „Landrat Lindlar kam mit einem Geldgeschenk und der Mitteilung, dass der Sieg-Kreis mithelfen werde, nun auch eine solche Einrichtung für den oberen Siegkreis zu schaffen.“
Aber zurück zu den Anfängen: Ursprüngliches Ziel des Vereins war es, „Tagesstätten zur Förderung geistig Behinderter ab Kindergartenalter zu errichten“. Die konkrete Arbeit begann damit, dass sich zunächst einige Eltern mit ihren Kindern gelegentlich auf dem Spielplatz der Sommerrodelbahn in Siegburg trafen, bevor am 10. Mai 1965 die erste Betreuung einer Gruppe von acht bis zehn Kindern im Hause Meyerhoff (ebenfalls Gründungsmitglied) in Sankt Augustin startete. Im dortigen Kinderzimmer wurden die Kinder von nun an fünfmal wöchentlich bis mittags beschult. Vier Wochen später kamen zwei weitere Gruppen hinzu, die in Räumen des Servatiushauses in Siegburg betreut wurden. Und bereits am 16. Juni war das erste große Ziel erreicht: Die genannten Gruppen zogen in die erste Tagesstätte der Lebenshilfe in der ehemaligen katholischen Grundschule Mondorf um, die überwiegend in Eigenleistung des Vereins renoviert worden war. Eine rasante Entwicklung hatte ihren Lauf begonnen, die in den folgenden Jahren nicht mehr aufzuhalten war.
1967 wurde eine zweite Tagesstätte in Leuscheid eröffnet, 1968 begann man mit der ersten ambulanten Frühförderung für „sogenannte Risikokinder“, 1969 kam die dritte Tagesstätte in Much hinzu, und man beschäftigte sich intensiv mit der Planung einer eigenen „Werkstatt für Behinderte“. Der 1. August 1972 schließlich bedeutete einen Wendepunkt in der Geschichte der Lebenshilfe Rhein Sieg: Die Tagesstätten wurden an den Rhein-Sieg-Kreis übergeben und gleichzeitig mit dem Betrieb der ersten Werkstatt für zunächst 35 Menschen mit geistiger Behinderung in angemieteten Räumen in Mondorf begonnen.
Diese Fakten und Daten, hier im Zeitraffer dargestellt, sind bekannt. Aber wer und was verbirgt sich hinter diesen nackten historischen Tatsachen? Fragen, auf die es bislang eher rudimentäre Antworten gibt. Ohne die authentischen Berichte beteiligter Zeitzeugen lässt sich die Geschichte der frühen Jahre wohl kaum hinreichend rekonstruieren. Wüssten wir sonst etwa, dass sich Vereinsmitglieder unermüdlich bemühten, der permanenten Geldnot zu begegnen? Schließlich musste der Verein von Anfang an 20% Eigenmittel für seine Projekte aufbringen. Von Zeitzeugen haben wir etwas darüber erfahren: Von Altpapier- und Spendensammelaktionen – oder von jenem kriegsversehrten Buch- und Zeitungshändler in Lohmar, der im Laufe der Jahre uneigennützig über 50.000 Mark für die Lebenshilfe sammelte ... Eines jedenfalls zeigt der Blick in die Vereinsgeschichte unmissverständlich: Ohne das Engagement und die Unterstützung vieler Freunde, Nachbarn, Förderer, Entscheidungsträger, Vereinsmitglieder und Mitarbeiter hätte die Lebenshilfe nicht das werden können, was sie heute ist. Und darüber möchten wir gerne mehr erfahren … Damit zum 50sten Geburtstag der Lebenshilfe Rhein Sieg eine Dokumentation erstellt werden kann, die von lebendiger Geschichte zeugt.
Für eine Chronik „50 Jahre Lebenshilfe Rhein Sieg“ suchen wir noch Zeitzeugen! Wer waren die Mitarbeiter der ersten Stunde? Wie wurde die Arbeit finanziert? Nach welchen pädagogischen Konzepten wurde betreut und gefördert? Wie haben sich die Mitglieder des Vereins persönlich engagiert, und wie sah die Vorstandsarbeit konkret aus? Welche Widerstände gab es zu überwinden ... Fragen, auf die es bislang noch wenige Antworten gibt.
Ohne die authentischen Berichte beteiligter Zeitzeugen lässt sich die Geschichte der frühen Jahre wohl kaum hinreichend rekonstruieren. Wir suchen aber auch historische Fotos, Sitzungsprotokolle, Einladungen, Plakate usw. – alles, womit man eine Chronik illustrieren kann.
Wenn Sie über die Anfänge der Lebenshilfe berichten können oder wenn Sie noch historisches Material besitzen, nehmen Sie bitte Kontakt auf mit:
Gereon Diepgen
info@kippconcept.de
Telefon: 02 28/9 83 62-70