Geschwisterliebe. Oder: Die nächste Generation!

Angehörige beim Geschwisterstammtisch: Hier informieren sie sich gerade über die Erstellung des Individuellen Hilfeplans (IHP)
Als sich vor 45 Jahren einige Eltern im beschaulichen Örtchen St. Augustin zusammen taten, um ihren Kindern mit geistiger Behinderung bessere Lebenschancen zu geben und ihnen zu ermöglichen, so gut es geht am „normalen“ Leben teilzuhaben, da haben diese Eltern etwas Enormes geleistet. Denn der Weg mit ihren Kindern war weiß Gott nicht einfach. Unendlich viele Hürden mussten genommen werden: Arztbesuche mit deprimierenden Prognosen, Behörden mit langsam mahlenden Mühlen, Unverständnis der Nachbarn und Freunde; selbst innerhalb der eigenen Familie konnte man nicht sicher sein, ob das Engagement positiv gewürdigt oder als Kräfte zehrendes „Über-Engagement“ gewertet würde. Aber sie haben sich durchgebissen, diese Eltern der ersten Generation, und haben ihren Kindern wunderbare Möglichkeiten geschaffen, in Wohnhäusern so zu leben und in Werkstätten so zu arbeiten, wie es ihrem Können und Vermögen entspricht.

Was tun, wenn die Kräfte schwinden?

Doch inzwischen sind etliche Jahre vergangen und viele Eltern merken, dass ihre Kräfte aufgebraucht sind und ihr Engagement erlahmt. Sie haben nicht nur Kraft für ihr eigenes Leben aufgewandt, sondern – viel länger als Eltern, deren Kinder mit 18 oder 20 Jahren dem Zuhause entwachsen – ihren Sohn oder ihre Tochter weit bis ins reifere Alter begleitet und betreut. Und nun? Was tun, wenn mit dem Schwinden der Kräfte auch die Sorge immer größer wird, ob das „Kind“ mit Behinderung auch weiterhin gut versorgt ist? Da tauchen plötzlich „Helfer“ auf. Sie kommen aus den eigenen Reihen, kennen die Geschichte des behinderten Franz oder der behinderten Lotte ganz genau und wissen um die Mühen der Eltern. Denn sie waren fast immer dabei: Es sind die Geschwister.

Auch sie haben oftmals einen langen und mühsamen Weg mit ihrem behinderten Bruder oder ihrer behinderten Schwester hinter sich. Sind – so ganz nebenbei – ebenfalls „Experten“ im Umgang mit der Behinderung geworden; und blieben doch fast immer unbemerkt. Zu sehr hatte sich zeitlebens die Aufmerksamkeit der Eltern auf die Bedürftigkeit des behinderten Geschwisterteils gerichtet: Da blieb nicht viel Zuwendung für die eigene Person übrig. Und trotzdem gab und gibt es in vielen Familien diese besondere, diese geschwisterliche Liebe. Deshalb entdecken älter werdende Eltern ihre nicht-behinderten Kinder wieder und spüren, dass sie deren Hilfe und Verständnis brauchen. Sie möchten gerne Lasten abgeben, ihre Kinder in die Pflicht nehmen und sie in ihre Verantwortung einbinden.

Loslassen und Verantwortung abgeben

Dieser Schritt passiert allerdings nicht immer leicht: Ist die geschwisterliche Sorge wirklich „gut genug“? Kann sie die elterliche Sorge ersetzen? Kann die Tochter auch richtig mit dem anvertrauten Geld für ihre behinderte Schwester umgehen, oder ist sie zu verschwenderisch? Wird sie wissen, welche Kleidung warm und ordentlich genug ist, oder wird sie sich nicht darum kümmern? Hat der Sohn den Schneid, sich mit den Betreuern im Wohnhaus auseinander zu setzen, damit diese darauf achten, dass mit den Behinderten genug unternommen? Kümmert sich die Tochter um die nötige ärztliche Versorgung, und wird sie ihre Schwester, ihren Bruder auch regelmäßig besuchen? Die Stabsübergabe an die nächste Generation ist schwer. An vielen Stellen knirscht es im Getriebe der Familien, weil diese wunderbar engagierte Elterngeneration nur schlecht loslassen kann...

Aber sie sind enorm wichtig, die Geschwister. Sie sorgen mit dafür, dass ihre Eltern endlich zur Ruhe kommen können, auch wenn sie sich eben „geschwisterlich“ kümmern – und nicht so wie Eltern. Sie sind die Hoffnungsträger, dass es stetig weiter geht in der Lebenshilfe. Jüngere Eltern kommen hinzu mit jungen Kindern. Die Erinnerung an die Wurzeln der Lebenshilfe, die Erinnerung an das Engagement der Eltern, an deren Ideen und Werte, die Erinnerung an den Glauben der Selbstbestimmtheit von geistig behinderten Menschen, an den Gedanken der Integration und Normalität – diese Erinnerung wird weiter getragen von der nun erwachsenen Geschwistergeneration, die ihre Geschwister lieben und die Arbeit der Eltern würdigen. Sie haben viel Vertrauen verdient...


 

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Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung
im rechtsrheinischen
Rhein-Sieg-Kreis e.V.

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